unser vorhang für baku
dieser blogeintrag hat eine mehrere monate lange entstehungsgeschichte, während derer sich sein inhaltlicher fokus mehrfach heftig verschob.eigentlich wollte ich nämlich über lana del rey schreiben.
ich wollte schreiben, wie offensichtlich von einer plattenfirma zusammengeschraubt das image dieser frau ist, von wegen böse nancy sinatra, und dann auch noch der albumtitel “born to die”, mein gott, wie unerträglich pseudo-moribund, wie klebrigsüß dieser leichengeruch ist. wie das haarspray, das ihre fönwelle in form hält. und wie einfach sich ausnahmslos alle, vom versierten musikkritiker bis zum oberstufenschüler, von einem viel zu stimmigen bild beeindrucken lassen. fällt irgendjemandem auf, dass diese frau keine frau ist, sondern ein sorgfältiges geschnürtes gesamtpaket? ohne jede ecke und kante, ohne überraschungen. wie langweilig.
dann überrollten mich die ereignisse und ich überlegte kurz, über christian wulff zu schreiben.
ich hätte schreiben können, wie überfällig der rücktritt ist, aber das haben ja schon andere zu genüge getan. ich hätte auch schreiben können, dass es journalisten meiner ansicht nach nicht zusteht, mit kaum verhohlener häme, ungenierter selbstgerechtigkeit und lautstarker erleichterung auf den rücktritt eines politikers zu reagieren, egal, wie unerträglich tumb und unprofessionell sich dieser vorher geriert hat. aber das ist ja auch nicht neu und außerdem sind journalisten in dieser sache eher unbelehrbar. außerdem hängt mir das thema mittlerweile echt zum hals raus. es war ja nun auch mehr nur eine frage der zeit, nicht wahr? wie langweilig.
dann aber machte ich den fehler, das erste einzuschalten: “unser star für baku”. ich dachte, ich gebe dem deutschen castingshow-fernsehen noch eine chance. die ungeheure wut, die mich daraufhin packte, ließ meine gefühle für wulff und del rey geradezu wohlwollend erscheinen.
WAS war DAS denn bitte? die langweiligste, politisch korrekteste, charakterloseste, inhaltsleerste und peinlichste veranstaltung, deren zeugin zu werden ich jemals nicht verhindern konnte! und DAS von MEINEN gebührengeldern!! wie kann man nur so schlechtes fernsehen machen? ich schwöre bei monika piel: ich hätte statt “unser star für baku” auch eine weiße wand anstarren und gemafreie musik hören können. vielleicht hätte ich das besser mal gemacht, das spart strom und ist wahrscheinlich besser für die augen. und für meinen blutdruck!
die moderatoren.
schleimig. unerträglich NETT. schwiegersohn- und -tochter-material, aber die sorte, die einem jahr für jahr badesalz und duftkerzen zu weihnachten schenkt. unwitzig. unoriginell. aber ok. ard-primetime-moderatoren halt. man erwartet ja quasi nix anderes. darüber könnte ich noch hinwegsehen.
das konzept.
warte, wie war das noch? ach ja. es wurde ja nur FÜNFHUNDERT mal erklärt, damit noch der blödeste biertrinkende-und-feinripp-tragende-zuschauer (stefan raabs einziger halbwegs intelligenter spruch: “wieso, wir sind doch hier in der ard, oder?”) es schnallt: ERST wird für jeden der beiden finalisten ein SONG ausgewählt und ANSCHLIESSEND wird dann gewählt, welcher der finalisten nach baku fährt. schade bloß, dass dieses konzept die sache unerträglich in die länge zog. schade bloß, dass vorher noch eine halbe stunde langweiligen gelabers kam. schade bloß, dass die einspielfilme grafisch und schnitttechnisch aussahen, als hätte die ein sehbehinderter in den neunziger jahren mit dem windows movie maker zusammengeschraubt. schade bloß, dass der countdown zum ergebnis ungefährt so spannend war wie einer eieruhr beim ticken zuzuhören und sich dieser mangel an spannung auch nicht mit peinlichen soundeffekten kaschieren ließ. arg!!
die songs.
ausgewählt von thomas d, der offensichtlich frühzeitig ertaubt (verblödet?) ist. insgesamt vier songs. ich sage nur mal die titel, mehr braucht man eigentlich nicht zu wissen: “conflicted”, “quietly”, “alone” und “standing still”. na, fällt jemandem was auf? genau. es handelt sich um vier der langweiligsten powerballaden, die jemals komponiert wurden, mit klischeebeladenen texten und einem so dermaßen standardmäßigen aufbau, dass man nach dem dritten song bereits die ersten beiden vollständig vergessen hatte. jawoll! DAS sind die qualitäten, die einen beim blöden grand prix weiterbringen. sehr gut, thomas! kannst du jetzt bitte wieder in deiner holzhütte verschwinden und deine millionen genießen? ein bisschen abwechslung in der songauswahl – vielleicht mal eine uptempo-nummer? – wäre ja auch zu viel des guten gewesen. da setzt dann vielleicht der herzschrittmacher des durchschnittlichen ard-zuschauers aus, daher machen wir es besser mal so langweilig wie möglich.
die kandidaten.
das spannendeste an den kandidaten war der name der frau, ornella. ornella hat lange dunkle haare, ein herzförmiges gesicht, große augen und eine große nase. so wie celine dion. ornella hat eine hohe, zuweilen durchdringende, zuweilen piepsige stimme. sie ist ziemlich schlank und wechselte dreimal das outfit, was aber nicht auffiel, weil ihre outfits immer aus einem dunklen kurzen rock und einem mehr oder weniger bonbonfarbenen top bestand. der name des anderen kandidaten war roman. roman hat ein gesicht, an das ich mich überhaupt nicht erinnern kann, aber ich werde es ja noch ab und zu sehen, denn – aber das wissen inzwischen ja alle – roman hat gewonnen. war aber auch zu erwarten, schließlich ist roman lob ein mann und bei castingshows rufen immer nur mädchen an.
nicht mal das war also eine überraschung.
irgendwann während der unsinnigen und vollkommen i
unmotivierten kommentarrunden der jury (“hmmm, es ist wirklich schwer… also, ich finde wirklich alle songs sehr gut… ich möchte dem publikum die entscheidung aber auch wirklich nicht vorweg nehmen…”) faselte einer dieser vollkommen überflüssigen jasager-juroren etwas davon, dass so ein esc ja sei wie ein kasperletheater, und man suche nun aber nicht den kasper, sondern das krokodil, oder so, weil sich der geneigte kasperletheaterbesucher an das krokodil ja am besten erinnere (oder war’s jetzt der seppel?). als ich erschüttert vor dem fernseher saß und die ersten stacheln der wut über so viel fernsehmacherische dreistigkeit-bei-gleichzeitig-größtmöglicher-gedankenlosigkeit in mir wuchsen, da dachte ich, bei gott, sie haben gerade nicht das krokodil gekürt, auch nicht den seppel, noch nicht mal den kasper. nein, sie haben den vorhang abgenommen und wedeln ihn jetzt vor unserer nase hin und her und behaupten, das wäre eine gute show. wir schicken einen vorhang nach baku!
heute ist nun der tag, an dem der langweilige lob das heilige römische reich deutscher nation in der hauptstadt einer abgelegenen osteuropäischen diktatur repräsentieren soll.
was soll man dazu sagen? erstens. deutschland kriegt den grand prix-kandidaten, den es verdient, wenn nicht genug heißes blut in seinen adern fließt, um der ard die mieseste fernsehveranstaltung aller zeiten um die ohren zu hauen. zweitens. europa kriegt den grand prix, den es verdient, wenn es nicht den schlichten anstand besitzt, sich für eine europaweit übertragene fernsehveranstaltung aus einer miesen osteuropäischen bananenrepublik ohne menschenrechte zu schade zu sein. das hat für olympia in peking gestimmt und das stimmt auch für den esc in baku. die argumente der fans und beschwichtiger laufen nämlich allesamt auf folgendes hinaus: wir wollen die große show, um jeden prix, und sei er noch so grand. alles andere ist uns egal, und das sagen wir auch so, ohne rot zu werden.
schließlich will man ja auch kein spaßverderber sein!



