unser vorhang für baku

dieser blogeintrag hat eine mehrere monate lange entstehungsgeschichte, während derer sich sein inhaltlicher fokus mehrfach heftig verschob.eigentlich wollte ich nämlich über lana del rey schreiben.

ich wollte schreiben, wie offensichtlich von einer plattenfirma zusammengeschraubt das image dieser frau ist, von wegen böse nancy sinatra, und dann auch noch der albumtitel “born to die”, mein gott, wie unerträglich pseudo-moribund, wie klebrigsüß dieser leichengeruch ist. wie das haarspray, das ihre fönwelle in form hält. und wie einfach sich ausnahmslos alle, vom versierten musikkritiker bis zum oberstufenschüler, von einem viel zu stimmigen bild beeindrucken lassen. fällt irgendjemandem auf, dass diese frau keine frau ist, sondern ein sorgfältiges geschnürtes gesamtpaket? ohne jede ecke und kante, ohne überraschungen. wie langweilig.

dann überrollten mich die ereignisse und ich überlegte kurz, über christian wulff zu schreiben.

ich hätte schreiben können, wie überfällig der rücktritt ist, aber das haben ja schon andere zu genüge getan. ich hätte auch schreiben können, dass es journalisten meiner ansicht nach nicht zusteht, mit kaum verhohlener häme, ungenierter selbstgerechtigkeit und lautstarker erleichterung auf den rücktritt eines politikers zu reagieren, egal, wie unerträglich tumb und unprofessionell sich dieser vorher geriert hat. aber das ist ja auch nicht neu und außerdem sind journalisten in dieser sache eher unbelehrbar. außerdem hängt mir das thema mittlerweile echt zum hals raus. es war ja nun auch mehr nur eine frage der zeit, nicht wahr? wie langweilig.

dann aber machte ich den fehler, das erste einzuschalten: “unser star für baku”. ich dachte, ich gebe dem deutschen castingshow-fernsehen noch eine chance. die ungeheure wut, die mich daraufhin packte, ließ meine gefühle für wulff und del rey geradezu wohlwollend erscheinen.

WAS war DAS denn bitte? die langweiligste, politisch korrekteste, charakterloseste, inhaltsleerste und peinlichste veranstaltung, deren zeugin zu werden ich jemals nicht verhindern konnte! und DAS von MEINEN gebührengeldern!! wie kann man nur so schlechtes fernsehen machen? ich schwöre bei monika piel: ich hätte statt “unser star für baku” auch eine weiße wand anstarren und gemafreie musik hören können. vielleicht hätte ich das besser mal gemacht, das spart strom und ist wahrscheinlich besser für die augen. und für meinen blutdruck!

die moderatoren.

schleimig. unerträglich NETT. schwiegersohn- und -tochter-material, aber die sorte, die einem jahr für jahr badesalz und duftkerzen zu weihnachten schenkt. unwitzig. unoriginell. aber ok. ard-primetime-moderatoren halt. man erwartet ja quasi nix anderes. darüber könnte ich noch hinwegsehen.

das konzept.

warte, wie war das noch? ach ja. es wurde ja nur FÜNFHUNDERT mal erklärt, damit noch der blödeste biertrinkende-und-feinripp-tragende-zuschauer (stefan raabs einziger halbwegs intelligenter spruch: “wieso, wir sind doch hier in der ard, oder?”) es schnallt: ERST wird für jeden der beiden finalisten ein SONG ausgewählt und ANSCHLIESSEND wird dann gewählt, welcher der finalisten nach baku fährt. schade bloß, dass dieses konzept die sache unerträglich in die länge zog. schade bloß, dass vorher noch eine halbe stunde langweiligen gelabers kam. schade bloß, dass die einspielfilme grafisch und schnitttechnisch aussahen, als hätte die ein sehbehinderter in den neunziger jahren mit dem windows movie maker zusammengeschraubt. schade bloß, dass der countdown zum ergebnis ungefährt so spannend war wie einer eieruhr beim ticken zuzuhören und sich dieser mangel an spannung auch nicht mit peinlichen soundeffekten kaschieren ließ. arg!!

die songs.

ausgewählt von thomas d, der offensichtlich frühzeitig ertaubt (verblödet?) ist. insgesamt vier songs. ich sage nur mal die titel, mehr braucht man eigentlich nicht zu wissen: “conflicted”, “quietly”, “alone” und “standing still”. na, fällt jemandem was auf? genau. es handelt sich um vier der langweiligsten powerballaden, die jemals komponiert wurden, mit klischeebeladenen texten und einem so dermaßen standardmäßigen aufbau, dass man nach dem dritten song bereits die ersten beiden vollständig vergessen hatte. jawoll! DAS sind die qualitäten, die einen beim blöden grand prix weiterbringen. sehr gut, thomas! kannst du jetzt bitte wieder in deiner holzhütte verschwinden und deine millionen genießen? ein bisschen abwechslung in der songauswahl – vielleicht mal eine uptempo-nummer? – wäre ja auch zu viel des guten gewesen. da setzt dann vielleicht der herzschrittmacher des durchschnittlichen ard-zuschauers aus, daher machen wir es besser mal so langweilig wie möglich.

die kandidaten.

das spannendeste an den kandidaten war der name der frau, ornella. ornella hat lange dunkle haare, ein herzförmiges gesicht, große augen und eine große nase. so wie celine dion. ornella hat eine hohe, zuweilen durchdringende, zuweilen piepsige stimme. sie ist ziemlich schlank und wechselte dreimal das outfit, was aber nicht auffiel, weil ihre outfits immer aus einem dunklen kurzen rock und einem mehr oder weniger bonbonfarbenen top bestand. der name des anderen kandidaten war roman. roman hat ein gesicht, an das ich mich überhaupt nicht erinnern kann, aber ich werde es ja noch ab und zu sehen, denn – aber das wissen inzwischen ja alle – roman hat gewonnen. war aber auch zu erwarten, schließlich ist roman lob ein mann und bei castingshows rufen immer nur mädchen an.

nicht mal das war also eine überraschung.

irgendwann während der unsinnigen und vollkommen i
unmotivierten kommentarrunden der jury (“hmmm, es ist wirklich schwer… also, ich finde wirklich alle songs sehr gut… ich möchte dem publikum die entscheidung aber auch wirklich nicht vorweg nehmen…”) faselte einer dieser vollkommen überflüssigen jasager-juroren etwas davon, dass so ein esc ja sei wie ein kasperletheater, und man suche nun aber nicht den kasper, sondern das krokodil, oder so, weil sich der geneigte kasperletheaterbesucher an das krokodil ja am besten erinnere (oder war’s jetzt der seppel?). als ich erschüttert vor dem fernseher saß und die ersten stacheln der wut über so viel fernsehmacherische dreistigkeit-bei-gleichzeitig-größtmöglicher-gedankenlosigkeit in mir wuchsen, da dachte ich, bei gott, sie haben gerade nicht das krokodil gekürt, auch nicht den seppel, noch nicht mal den kasper. nein, sie haben den vorhang abgenommen und wedeln ihn jetzt vor unserer nase hin und her und behaupten, das wäre eine gute show. wir schicken einen vorhang nach baku!

heute ist nun der tag, an dem der langweilige lob das heilige römische reich deutscher nation in der hauptstadt einer abgelegenen osteuropäischen diktatur repräsentieren soll.

was soll man dazu sagen? erstens. deutschland kriegt den grand prix-kandidaten, den es verdient, wenn nicht genug heißes blut in seinen adern fließt, um der ard die mieseste fernsehveranstaltung aller zeiten um die ohren zu hauen. zweitens. europa kriegt den grand prix, den es verdient, wenn es nicht den schlichten anstand besitzt, sich für eine europaweit übertragene fernsehveranstaltung aus einer miesen osteuropäischen bananenrepublik ohne menschenrechte zu schade zu sein. das hat für olympia in peking gestimmt und das stimmt auch für den esc in baku. die argumente der fans und beschwichtiger laufen nämlich allesamt auf folgendes hinaus: wir wollen die große show, um jeden prix, und sei er noch so grand. alles andere ist uns egal, und das sagen wir auch so, ohne rot zu werden.

schließlich will man ja auch kein spaßverderber sein!

fix und alle ist das wort, das sie suchen.

nämlich um das zu beschreiben, was da schlapp und mit triefenden augen vorm laptop hängt.

also, mich. so sehen sieger aus, schalalalala. rechts auf dem regal über meinem kopf steht ein plexigläserner quader mit meinem namen drauf. bambule, randale, pawlitzki hat den briefbeschwerer. er macht sich etwas sehr sauber, ordentlich und wohlproportioniert aus nebem dem foto von einem waschbär, der koreanischen makrelendose, dem eselsohrigen stapel ausgedruckter manuskripte, der tasse mit dem noch zu klebenden henkel und dem turm überfälliger studienarbeitsliteratur. was aber um so mehr zeigt:

der axel springer preis (jawohl, ohne bindestriche) ist ins chaos meines lebens getreten.

leben, das heißt: man bastelt so vor sich hin und denkt sich jede menge böses dabei, nämlich: das versteht doch wieder kein mensch, was du damit willst. das ist doch alles viel zu kompliziert. das ist alles nicht investigativ genug. und überhaupt: eigentlich müsstest du mal wieder was für die uni machen. und deinen schreibtisch aufräumen. und wieso wartest du immer bis zum allerallerallerletzten tag, um mit dem manuskript anzufangen? und diese o-töne sind UN-SCHNEID-BAR!

dann liefert man ab und wenn’s gut läuft, ist man am ende glücklich und zufrieden und der redakteur auch und man geht über zur nächsten bastelarbeit.

nur, dann, eines tages, ruft einen einer an und sagt einem, dass diese eine bastelarbeit vom letzten jahr doch sehr schön war und ob man nicht lust habe, nach berlin zu kommen, es gebe einen preis abzustauben. woraufhin einem das herz in die hose rutscht und die milz in den hals und das gehirn wickelt sich um die eierstöcke (oder so fühlt es sich jedenfalls an) und der magen macht sowieso ganz komische dinge, während die beine anfangen, ins nebenzimmer zu hüpfen, um es jemandem zu erzählen, irgendjemandem, damit dieser anruf, der natürlich immer dann kommt, wenn man gerade ausnahmsweise mal allein im großraumbüro sitzt und es keine zeugen gibt außer einer plappernden 1live-moderatorin im radio und einer traurigen zimmerpflanze, nicht nur im eigenen kopf stattgefunden hat.

kurz und gut: einen preis zu gewinnen, ist das allerletzte, womit ich gerechnet hätte.

genau genommen habe ich immer, wenn ich gelesen habe, dass jemand anders einen preis gewonnen hat, gedacht: was SIND das für leute, die preise gewinnen? diese streber! haben die kein leben? stellt sich heraus: man BRAUCHT unbedingt ein leben, um einen preis zu gewinnen. also, nicht nur leben wie in: siehe oben. sondern leben wie in: leute, die einem um sechs uhr morgens ihren ellenbogen in die rippen rammen, wenn der wecker zum zweitenmal klingelt, und murmeln “wolltesdunichaufstehenundeinmanuskripschreibn?”. leben wie in: eine mama, die in den ganz dunklen stunden nach der total katastrophalen abnahme telefonische notfallseelsorge leistet. leben wie in: das aus dem nachtleben gewonnene sichere wissen, dass anderthalb flaschen club mate den absoluten zusammenbruch um sechzig bis neunzig minuten nach hinten schieben können. leben wie in: leute, mit denen man sich über die scheiße, die so passiert, bis zur vorrübergehenden geistigen verarmung gemeinsam kaputt lachen kann. leben wie in: das harte training, vernichtende kritik mit selbstironie und achselzucken zu ertragen, das man nur kriegt, wenn man mit mindestens zwei brüdern aufgewachsen ist.

mit andern worten: kopp oben halten, auch wenn der hals dreckig is. dann klappt’s auch mit dem briefbeschwerer.

shake it, baby.

also, liebe freunde, über diese ganze grass-debatte kann man ja wohl nur heftiglichst und von vorne bis hinten mit dem kopf schütteln.

als allererstes muss man mal über günter himself den kopf schütteln. als medienprofi sollte er es besser wissen, als zu so einem thema nur 69 zeilen zu veröffentlichen (und dann auch noch kurz vorm passah-fest). wer verkürzt darstellt, wird auch verkürzt dargestellt! da soll man dann nicht auch noch den kardinalfehler begehen, den wir aus der wulff-affäre nun zu genüge kennen, von einer kampagne gegen sich zu sprechen – das wirkt immer selbstmitleidig und paranoid, ob’s nun stimmt oder nicht (wer berät den mann eigentlich??). wenn er wie sarrazin ein buch geschrieben hätte, hätte wenigstens nur die hälfte der jetzt empörten es gelesen und würde sich wohl vorsichtiger äußern. aber 69 zeilen schafft noch der größte nichtleser, ist ja schließlich nicht umsonst BILD-länge.

wobei einem bei manchen reaktionen auf das gedicht auch der gedanke kommen kann, so einige hätten nicht mal die 69 zeilen bewältigt.

dass henryk m. broder ein loch im kopp hat, ist ja nix neues. um ihn hier mal an polemik zu übertreffen: wenn ich mir broder beim schreiben vorstelle, und zwar egal zu welchem thema, dann stelle ich mir das als gewissermaßen bulimischen prozess vor: er frisst schreckliche, hasserfüllte und wahnwitzige dinge in sich hinein, verdaut sie kurz ein wenig und kotzt sie dann aufs blatt, noch schrecklicher als zuvor. anders kann ich mir seine unfähigkeit zur sachlichen kritik nicht erklären. dass er nicht gegen grass argumentiert, sondern ihn vor allem mit unschönen attributen belegt, überrascht da nicht. ein kurzer auszug:

Grass ist nicht nur ein überschätzter Literat, er ist eine sozialdemokratische Endmoräne, der letzte Rest der Bonner Republik, in der vor allem Autoritäten gefragt waren, weit mehr als heute auf der Berliner Bühne. Und Grass war schon immer ein autoritärer Knochen, auch als er 1969 mit der Parole “Ich rat Euch, SPD zu wählen” durch das Land zog. Das war kein Rat, keine Empfehlung, es war ein Befehl. Als er dann zwanzig Jahre später für ein paar Monate nach Kalkutta zog, tat er das mit der Begründung, es werde ihm in Deutschland nicht genug “Respekt” gezollt.

Und nachdem ihm in seiner Autobiografie “Beim Häuten der Zwiebel” eingefallen war, dass er als 17-Jähriger kurz bei der Waffen-SS gedient hatte, und als er daraufhin gefragt wurde, warum er diese Information über 60 Jahre für sich behalten hatte, da empfand er solche Fragen als Zumutung und reagierte wie eine alt gewordene Klosterfrau, die früher in einem Puff gearbeitet hatte.

wenn nix mehr hilft: vulgär werden! bravo, henryk.

broder ist aber nur eine stimme im konzert derer, die grass einen antisemiten nennen. beim kopfschütteln darüber habe ich mir den nacken gezerrt. was weiß ich von grass’ innerer seelenhaltung zu juden? nix. aus “was gesagt werden muss” kann ich dazu jedenfalls nichts schließen. liebe freunde! antisemitismus scheint so eine totschlagvokabel geworden zu sein, bei der keiner so genau weiß, was damit eigentlich gemeint ist. ist damit nun die nationalsozialistische einstellung gemeint, die ihren hass mit bestimmten, den juden angeblich intrinsischen attributen begründet? man zeige mir jene attribute in “was gesagt werden muss”! ich kann sie nicht finden. nicht mal kriegstreiberei (das thema des gedichts) wird israel, wird den juden pauschal vorgeworfen. – vielleicht ist mit antisemitismus hier auch nur eine generelle judenfeindlichkeit gemeint. ohne attribute, ohne großes rassistisches tamtam. so eine hinterhältige, latente ablehnung? könnte man vielleicht sagen, dass israel und iran in einen topf zu schmeißen bereits eine solche feindseligkeit gegenüber juden begründet? nur, wenn man davon ausginge, dass israels dann angenommene fanatische kriegstreiberei etwas mit der tatsache zu tun hätte, dass israel ein jüdischer staat ist. das wort “jüdisch” fällt aber in dem gedicht gar nicht.

den antisemitismus-vorwurf kann man grass nur pauschal – das heißt, ohne bezug auf das gedicht – machen.

oder wenn man selber den staat israel nicht als staat, sondern als jüdischen staat betrachtet, der aufgrund dessen bestimmte (im zweifel schlechte) eigenschaften hat. das würde den kritiker aber selbst zum antisemiten machen. wenn man aber israel – juden oder nicht – behandelt wie alle anderen kinder auch, dann muss man ja wohl auch kritik äußern an ein paar fragwürdigkeiten, die da in letzter zeit so durch die gegend geistern.

eine hässliche diskussion, die nicht schöner wird dadurch, dass grass sich in den tagesthemen als opfer geriert.

mann, mann, mann. nicht clever. “die medien” fahren eine kampagne, sagt er. vielleicht stimmt es, vielleicht stimmt es nicht. die meinungen zu seinem gedicht sind schon einhellig negativ, im inland wie im ausland, nur in israel scheint sich lustigerweise keiner so richtig darüber aufzuregen. aber der vorwurf einer kampagne (siehe wulff, siehe guttenberg) ist schlicht nicht nachzuweisen. natürlich haben sich die chefredakteure nicht abgesprochen, den machen wir jetzt mal so richtig fertig auf seine alten tage und verzieren das noch ein ums andere mal mit dem hübschen agenturbild, wo sein gesicht beim pfeifeanzünden gleichsam von fackelschein erleuchtet scheint. warum auch? die öffentliche meinung bildet sich eben nicht möglichst pluralistisch heraus, sondern bestimmte gruppen werden von anderen beeinflusst und haben auch in sich eine ganz eigene dynamik, wer sagt was in der raucherpause, wer hat welche bücher zum thema gelesen, wer trifft regelmäßig henryk m. in der sauna des golfclubs (ich fantasiere)… und journalisten sind keine so heterogene gruppe, wie man sich das wünschen würde. die kommen leider oft zum gleichen ergebnis, und befeuern dann andere damit. manchmal denkt man echt, es wäre besser, wenn journalisten ihre meinung einfach mal für sich behalten würden. machen sie aber leider nicht. ich ja auch nicht.

was immer grass sich für eine reaktion auf sein gedicht gewünscht hätte: er bekommt sie wohl nicht.

am witzigsten fand ich noch die idee des spiegel, einen faktencheck zu veranstalten. wobei man sich fragen kann, seit wann gedichte faktenchecks unterzogen werden müssen. auch eine sehr journalistische idee. aber naja. irgendwie war es ja auch nur kraft seiner häufig eingestreuten absätze wirklich ein gedicht. liebe günter, warum schreibst du ein gedicht und wunderst dich dann, dass keiner sich mit den fakten auseinandersetzt? kopfschütteln. es wäre doch auch so gegangen:

  1. atomwaffen haben ist scheiße.
  2. atomwaffen haben wollen ist scheiße.
  3. atomwaffen benutzen ist nicht nur scheiße, sondern geisteskrank.
  4. israel hat vermutlich welche, iran will welche, und beide wollen sie benutzen. das ist scheiße und geisteskrank. (egal, wer angefangen hat.)
  5. deutschland sollte sich nicht daran beteiligen, dass irgendwer atomwaffen hat/bekommt/benutzt, weil das scheiße und geisteskrank ist.
  6. in israel und im iran müssen endlich leute an die macht, die frieden wollen, und dann müssen diese leute sich an einen tisch setzen und so lange reden, bis die atomwaffen keiner mehr braucht.

aber vielleicht kann ich das auch nur so schreiben, weil ich nicht in der waffen-ss war.

girl’s day

aaaaaah, der weltfrauentag!

der tag, an dem die BILD-zeitung DAS GROSSE EXPERIMENT wagt und seine internetseite HEUTE NUR VON MÄNNERN machen lässt. um zu gucken, wo frauen überall fehlen.

Alles, was Sie heute bei BILD.de und morgen in BILD finden, stammt zu 100 Prozent von den Männern der Redaktion. Die stellvertretende BILD-Chefredakteurin Marion Horn erklärte: „Es geht uns bei diesem Experiment um die Frage, wie sich BILD verändert, wenn von einem Tag auf den anderen die Kreativität und die Professionalität von Frauen fehlt.”

BILD-Chefredakteur Kai Diekmann: „Die Idee zu dieser Aktion ist während einer intensiven Diskussion im Team entstanden. Es ist für die BILD-Redaktion vollkommen normal, dass Frauen und Männer gleichberechtigt zusammenarbeiten. Viel zu selten denken wir darüber nach, dass das auf unserer Welt – und selbst in unserem Land – keine Selbstverständlichkeit ist. Wir wollen die Redaktion mit diesem Experiment dafür sensibilisieren, dass Frauen und Männer gemeinsam kreativer und leistungsfähiger sind, folglich müssen sich die Männer an diesem Tag besonders anstrengen. Außerdem ist es für uns außerordentlich wichtig, dass Journalisten ständig ihre Sinne schärfen, scheinbar Normales hinterfragen und ungewöhnliche Perspektiven einnehmen. Wir haben sehr gute Erfahrungen damit gemacht, die Redaktion mit ungewöhnlichen Maßnahmen dabei zu unterstützen.”

Dass uns das gelingt – gar keine Frage. Dass wir ziemlich bald die Stärken und Kenntnisse unserer Kolleginnen vermissen dürften, steht aber auch fest.

– BILD.de

sie rauszuschmeißen und zu beweisen, dass man es auch ohne sie schafft: so zeigt man frauen seine wertschätzung. bravo, BILD! mal wieder.

weltfrauentag: der tag, an dem google alle frauen mit einem google-symbol erfreut, das im wesentlichen lilabunt ist und neben einem weiblichkeits-symbol aus der biologie auch eine blume enthält. genau, was ich mir gewünscht hatte! voll hübsch!

der tag, an dem sich folgender dialog zwischen dem herrn des hauses und mir entspannte:

ich: was kriege ich zum weltfrauentag?

er: ohrfeigen!

ich: wieviele?

er: der wievielte weltfrauentag ist denn heute?

feminismus und emanzipation sind zu schlimmen schimpfwörtern geworden.

das ist, weil alle denken, bei feminismus gehe es darum, so zu tun, als wären frauen a) besser als männer oder b) haargenau gleich. für alle, die sich in a) oder b) erkennen: darum geht es NICHT. frauen sind nicht besser als männer und außerdem auch anders als männer. der punkt ist aber schon, dass die meisten bereiche des lebens nach dem normiert sind, wie männer meistens sind. und frauen werden daran gemessen. weil frauen aber anders sind, können sie dabei nur selten gut abschneiden. das ist schade, weil frauen nämlich auch ein paar tolle eigenschaften mitbringen. die aber leider in den meisten bereichen des lebens nicht zählen, weil diese bereiche nach dem normiert sind, wie männer meistens sind. seht ihr, wo ich hinwill? ich könnte ewig so weitermachen.

folgendermaßen sollten alle menschen den weltfrauentag nutzen, finde ich:

liebe frauen! schaut in den spiegel und stellt euch vor, ihr wärt ein mann. dann würdet ihr jede falte, jedes graue haar und auch eure breiten schultern (und möglicherweise eure kompakte statur) als äußerst attraktiv empfinden. guckt jetzt noch mal in den spiegel und seht, dass ihr eine frau seid. ist ja auch nicht so schlecht! und dann überlegt euch, was ihr wirklich mit eurem leben anfangen wollt. wenn ihr gerne sport macht, boxen guckt, steak esst, pornos euch scharf machen und ihr euch im chefsessel eines börsennotierten konzerns wohl fühlt, ran an den speck! wenn ihr salat und ferrero küsschen mögt, gerne schnulzige serien guckt, beim anblick eines flaumigen babyschädels weiche knie kriegt und total zufrieden in eurem halbtagsjob seid, freut euch auch! ihr seid gut so, wie ihr seid. oder auf dem besten wege dahin.

liebe männer! lasst die blumen weg, wenn ihr die wirklich nur am frauentag, am muttertag und/oder (gott behüte) am valentinstag rausholt. das bringt’s jetzt auch nicht mehr. lasst auch den quatsch mit dem einmal-im-jahr-gibt’s-frühstück-im-bett. wir wissen ja wohl alle, wer hinterher die küche aufräumt. stellt euch stattdessen vor den spiegel und sagt dreimal laut: ich bin feminist. (ihr könnt ja das radio anmachen oder das wasser laufen lassen, damit es keiner hört. hauptsache, ihr hört euch selber zu.) feminist sein bedeutet hier, anzuerkennen, dass es einen zweiten weg gibt, auf dinge zu reagieren. insbesondere auf konflikte. und zwar, indem man (ihr müsst jetzt ganz stark sein) darüber redet. versucht, den anderen zu verstehen. einen kompromiss zu finden, der alle glücklich macht und auf größtmögliche harmonie abzielt. darauf setzt, dass der andere einsieht, dass er unrecht hat, wenn man ihm die richtigen argumente vorlegt.

es gibt zwei wege: den von männern und den von frauen. beide sind manchmal der richtige weg und manchmal der falsche. dafür sorgen zu wollen, dass alle menschen beide wege benutzen können, ist feminismus.

Feminism ain’t about women
No, that’s not who it is for
It’s about a shifting consciousness
That’ll bring an end to war

– ani difranco, “¿which side are you on?”

auch wenn dort alle meine freunde sind.

mein handydingsi sagt, ich bin über 16 000 schritte gelaufen, das sind 12 kilometer.

was soll ich sagen, dies ist eine große stadt und ich war irgendwann zu geizig, mir noch ein u-bahn-ticket zu kaufen. dafür habe ich acht euro für anderthalb live-performte jazzsongs bezahlt, drei euro für einen ausgezeichneten couscous-salat (den ich ebenfalls gehend verzehrte), vier euro für eine eintrittskarte ins museum und noch mal acht euro für den besten gimlet des universums. amüsieren heißt konsumieren, aber was beschwer ich mich, man ist ja schließlich im kapitalismus groß geworden und kennt es nicht anders.

ich hätte vermutlich auch für weniger geld spaß haben können.

zum beispiel hätte ich mit mir selbst wetten können, wie lange es dauert, bis die b…  verzeihung, die polizei kommt, während ich versuche, in die größte baustelle deutschlands (sagt mein chef) einzudringen. sie ist gegenüber von meinem hotel und – wie ich heute morgen aus extrem gut unterrichteten kreisen erfuhr – gleichzeitig auch die geheimste baustelle der welt, denn HIER BAUT DER BND! das steht nicht auf einem schild oder so (woran man wiederum erkennen kann, dass diese baustelle sehr geheim ist); um es herauszufinden, muss man das internet fragen, oder meinen chef, oder, naja, gut unterrichtete kreise.  sie ist auch wirklich sehr groß und beeindruckend und von einer hohen sperrholzwand umgeben, die wiederum mit kameras (stacheldraht? elektroschockern? selbstschussanlagen?) verziert ist. vermutlich hätte es nicht lange gedauert, bis die jungs in blau (grün?) auftauchen, beziehungsweise vermutlich wären direkt die jungs in schwarzen anzügen oder beigen trenchcoats (oder was die heute so tragen) gekommen und dann hätte ich wirklich spaß gehabt und keine gelegenheit mehr, in berlin jemals wieder geld auszugeben.

da ich aber nicht klettern kann, habe ich es nicht versucht und musste also auf käufliche vergnügungen ausweichen.

wenn ich sagen müsste, woran ich mich am meisten erfreut habe, würden sich gimlet, museum und couscous ein enges kopf-an-kopf-rennen leisten. der couscous, weil ich nach dem museum wirklich hungrig und es eine schöne sache war, festzustellen, dass couscous-salat nicht ölig sein MUSS (wie man es in der cafeteria der tu dortmund zu glauben scheint). aber ich soll ja nicht immer so viel über essen reden, sagen alle. das museum, weil es ja immer ein gutes gefühl ist, sich kulturell zu fühlen, außerdem war die ausstellung sehr schön, aber dazu später mehr. der gimlet, weil das wirklich und wahrhaftig ein großartiger, sehr leckerer und extrem potenter drink war, was ja einen wert an sich darstellt. das museum gewinnt mit einer nasenlänge die wettbewerbe um das beste preis-leistungsverhältnis und (vermutlich) die langanhaltendste wirkung.

wobei es sehr darauf ankommt, ob ich nach heute abend jemals wieder laufen kann.

es geht schon damit los, dass ich in berlin immer erst mal in die falsche richtung laufe, wenn ich irgendwo hin will, und wenn man am potsdamer platz erst mal in die falsche richtung unterwegs ist, hat man da eine weile spaß mit. irgendwann habe ich aber die neue nationalgalerie gefunden und bereits nach einer knappen halben stunde in verschiedenen warteschlangen stand ich vor dem ersten in einer langen reihe von gerhard-richter-bildern aus fünf (oder so) jahrzehnten.

wer ihn nicht kennt:

gerhard richter ist ein recht schweigsamer mann, der sein geld mit malen verdient, gelegentlich mal einen rappel kriegt und ein paar seiner bilder verbrennt, was (nicht maßgeblich, aber auch) dazu beiträgt, dass alles, was er unversehrt gelassen hat, viele millionen euro teuer wird. bitte, ich möchte das nicht als respektlosigkeit verstanden wissen. eigentlich finde ich das ganz schön cool von gerhard richter, wie er so drauf ist; überdies habe ich den eindruck, dass er von dem zirkus, der der kunstmarkt ist, vermutlich auch nicht all zu viel hält. das macht ihn mir doch sehr sympathisch.

ich bin aber trotzdem ein bisschen gnatzig, weil ich es einfach nicht CHECKE.

was ich nicht checke, ist dies: gerhard richter, man kann von ihm halten, was er will, kann wirklich ausgezeichnet malen. und zwar kann er so malen, wie andere leute fotografieren. nun (so stellte es sich mir in dieser ausstellung jedenfalls dar) hatte er lange zeit die angewohnheit und hat sie vielleicht noch, bilder zu malen, die aussahen wie anderer leute fotos. ich finde ja, dieses fotorealismusding hat (wie auch die ganzen alten meister mit ihrem ewigen ich-kann-tuchfalten-so-malen-dass-du-die-hand-ausstrecken-und-sie-berühren-willst-so-echt-sieht-das-aus) immer so ein bisschen was prahlerisches, frei nach dem motto: der, dessen bild echter aussieht, hat gewonnen. jedenfalls, wenn es irgendwie darum geht, seine fotorealistischen skills auszupacken, dann hat gerhard richter auf jeden fall den längsten pinsel von allen, wenn ihr versteht, was ich meine.

was er nun tut ist: er malt ein foto und dann verwackelt er es.

oder, um mal eine neben mir stehende berlinerin zu paraphrasieren: na, ick meene, wenn et nu in echt so wischi-waschi ausjesehen hätte, wie da uffm bild, was ick nich jloobe, dann hätte er et vermutlich nich jemalt. und wenn et nich so wischi-waschi aussehen täte wie da uffm bild, wäre et ooch langweilig. (wer sich durch diese logik kämpft, wird tiefe wahrheit darin entdecken.)

also, mit anderen worten: gerhard richters fotorealistische werke haben oft den anschein des verschwommenen.

so, als würde man das foto durch eine beschlagene scheibe sehen. weil er da nämlich offenbar ein paarmal mit nem ziemlich dicken pinsel rübergegangen ist. so weit, so rätselhaft. ich meine, warum macht er das? nach einigen dieser bilder kam ich auf die idee (ich weiß nicht, woher), dieser verwackelungstechnik gebe den motiven irgendwie etwas ewig-unvergängliches, was fotorealistische bilder sonst nicht haben. sie werden gewissermaßen der banalität ihres detailreichtums enthoben, wenn ich das mal so gestochen ausdrücken darf. war mein eindruck. dann kam ich auf einmal (irgendwo in den 80er jahren) an ein paar bilder, die waren wie fotos, aber unverwackelt. beziehungsweise unverschwommen.

warum? warum? warum?

Frau vor Gerhard-Richter-Bildernich weiß es nicht. allerdings finde ich auffällig, dass das alles bilder waren, die vom motiv her irgendwie schon tierisch was mit vergänglichkeit zu tun hatten. ein mädchen, so blass, dass man die venen durch ihre dünne haut pochen sehen möchte. eine blüte (na, wir wissen ja alle, wie das immer endet). eine brennende kerze, ein totenschädel – memento mori, oder was? landschaften, durch die ich schon den bnd-bagger fahren sehe (aber das mag meiner derzeitigen lage geschuldet sein). ach, ich weiß auch nicht. wenn man es erraten könnte, wäre es vermutlich keine kunst, oder?

ich habe dann ein paar gerhard-richter-gedächtnisbilder vom potsdamer platz gemacht, was meiner ansicht nach die einzig brauchbare art ist, mit einer handykamera fotos vom potsdamer platz zu machen, dieser schrecklich touristenfalle ohne seele.

Potsdamer Platz, Gerhard-Richter-Style IPotsdamer Platz, Gerhard-Richter-Style IIdann kam das mit dem couscous, und währenddessen marschierte ich wieder ein bisschen in die falsche richtung auf der suche nach waldo’s bar. ich wollte da unbedingt hin, um herauszufinden, ob mein im oktober entwickelter enthusiasmus bezüglich des dort hergestellten gimlet berechtigt ist. ist er. der inhaber stellt ihn selber her, was ein guter grund wäre, den inhaber zu heiraten oder zum patenonkel sämtlichen nachwuchses zu machen, aber ich habe mich nicht getraut zu fragen und außerdem hatte ich den mund voll gimlet.

in waldo’s bar gibt’s irgendwie immer live-jazz, habe ich den eindruck.

diesmal war vocal night. naja. ich musste acht euro bezahlen, um bis zu bar vorzudringen, “für die künstlerinnen”, wie man mir sagte. ich hörte eine ganz ordentlich instrumentalnummer von einem trio und dann kamen “die künstlerinnen” und fingen an, “sunny side of the street” (as made famous by frank sinatra) zu interpretieren. die hauptsache ist ja, dass man spaß an musik hat, mehr möchte ich dazu nicht sagen, und nach dem ersten refrain war mein gimlet auch alle und ich bin gegangen, weil ich ja noch dies hier schreiben wollte.

und während die kameras auf der anderen straßenseite leise blinken, werde ich jetzt noch ein wenig an gerhard richter denken und dann einschlafen.

schwimmen. ich will einfach nur schwimmen.

<klick> <iiiieeeeek> <räusper>

ACHTUNG, ACHTUNG! sehr verehrte badegäste! es folgt eine wichtige durchsage. <iiiieeeeek> bitte beachten sie folgende hinweise bei der benutzung des schwimmerbeckens! <klick> <iiiieeeeek>

an alle frauen mittleren oder fortgeschrittenen alters: was ihr da macht, ist kein sport und wird auch euch dieses jahr nicht zur bikinifigur bringen, hauptsächlich, weil eure priorität ist, dass euer kopf nicht nass wird und der fortlaufende austausch irrelevanter informationen über eure kinder/enkel/nachbarn/entfernten verwandten/haustiere miteinander nicht abreißt. wenn ihr klönen wollt, geht kaffee trinken. das nebeneinander schwimmen im zeitlupentempo macht ungestörte körperliche ertüchtigung für alle anderen vollkommen unmöglich. ich WEISS, dass in der brigitte steht, sport macht mit einer freundin mehr spaß. da steht aber auch, dass ananasscheiben gegen cellulite helfen, und wir können alle sehen, dass das nicht stimmt. <klick> <iiiieeeeek>

an alle kinder: hört auf, über meinem kopf auf dem startblock rumzuzappeln, wenn ich vorbeischwimme. SPRINGT ODER LASST ES BLEIBEN, VERDAMMT. <klick> <iiiieeeeek>

an alle fetten männer anfang dreißig mit glatze: ja, ich habe eine tolle oberweite. nein, ich möchte nicht darauf angesprochen werden. und wenn ihr nicht einzig und allein zur beantwortung dieser beiden fragen ins schwimmbad gehen würdet, säht ihr vielleicht auch nicht so gruselig schlecht aus. <klick> <iiiieeeeek>

an alle mit schaumgummi vorm bauch: aquajogging sieht nicht nur bescheuert aus, es bringt auch nichts. <klick> <iiiieeeeek>

an alle krauler: schön, dass ihr so schnell seid. schade, dass ihr solche asis seid. könnt ihr vielleicht mal rücksicht nehmen? wir sind hier nicht beim autoscooter — wer ausweicht, hat NICHT verloren. <klick> <iiiieeeeek>

an alle männer im badeslip: keiner hier will euren schwanz sehen. kauft euch boxershorts. bitte. <klick> <iiiieeeeek>

an alle tussis: ihr seht toll aus, echt. wenn man mal von den schwarzen striemen absieht, die sich von den augen abwärts über eure gesichter ziehen und euch weniger wie bikinimodell und mehr wie crack-hure nach wolkenbruch aussehen lassen. wie schon angedeutet, wird beim schwimmen oft auch der kopf nass. männer kennenlernen könnt ihr doch auch woanders, oder? insofern wäre es vielleicht nicht falsch, sich vor dem schwimmen abzuschminken. <klick> <iiiieeeeek>

danke für die aufmerksamkeit. das musste alles mal gesagt werden. <klick> <iiiieeeeek> <KLICK>

das verkaufsgespräch – drama in einem akt.

ORT: ein mobiltelefonladen irgendwo in deutschland

ZEIT: die gegenwart

PERSONEN: verkäufer (mittelalt, mittelgroß, mittelhübsch, haare gegelt, mit margentafarbener krawatte); kundin (im studierfähigen alter, etwas zu dick für ihre größe, könnte sich mehr mühe mit frisur und make-up geben, außerdem schwitzt sie in ihrem wintermantel)

kundin: moin.

verkäufer: ja. hallo. was darf es sein.

kundin: ich möchte das mobiltelefon da kaufen. (zeigt auf ein mobiltelefon, das an der wand ausgestellt ist.) darf ich das mal… (sie versucht, es in die hand zu nehmen. daraufhin schrillt eine alarmglocke.)

verkäufer: oh, bitte… (er eilt herbei und schaltet mit seiner magnetkarte den alarm ab.) die sind sehr empfindlich eingestellt, diese alarme.

kundin: aha. hm. darf ich es denn nicht… (sie schaut den verkäufer fragend an.) 

verkäufer: ähm. nein. lieber nicht. die sind sehr empfindlich.

kundin: aha. naja. dieses mobiltelefon da hätte ich jedenfalls gern.

verkäufer: eine ausgezeichnete wahl. ich habe dasselbe.

kundin: sie meinen, das gleiche.

verkäufer: wie bitte?

kundin: ach nichts.

pause.

kundin: sind sie denn zufrieden?

verkäufer: womit?

kundin: mit dem mobiltelefon.

verkäufer: ach so. ja.

kundin: warum?

verkäufer: was?

pause.

kundin: naja, wenn sie zufrieden sind…

verkäufer: ja.

kundin: dürfte ich es nicht vielleicht doch mal…? (sie macht anstalten, das mobiltelefon von der wand zu nehmen.)

verkäufer (eilig): nein, bitte. die sind sehr empfindlich!

kundin: ja. hm.

verkäufer: aber sie dürfen meins mal anfassen.

kundin: wie bitte?

verkäufer: sie dürfen meins mal anfassen. mein mobiltelefon. (holt sein mobiltelefon hervor.)

kundin (spielt mit dem mobiltelefon): ah ja. ja. wirklich sehr schön. das hätte ich dann gerne.

verkäufer: das ist meins. aber ich kann ihnen eins aus dem lager holen.

kundin: sehr gerne. was kostet es eigentlich?

verkäufer: hundertneunundzwanzigfünfundneunzig.

kundin: wie bitte?

verkäufer: hundertneunundzwanzigfünfundneunzig.

pause.

kundin: aha. ähm. das ist aber merkwürdig. (sie zieht einen katalog hervor.) sehen sie, in diesem katalog kostet es nur neununddreißigfünfundneunzig.

verkäufer: da hat jemand die zahl dazugeschrieben.

kundin: ja, das war ihre kollegin in einer anderen filiale, als ich mich vor einem monat erkundigt habe.

verkäufer: das ist aber falsch.

kundin: falsch?

verkäufer: ja. das mobiltelefon kostet hundertneunundzwanzigfünfundneunzig.

pause.

kundin: ja. also. das wundert mich deshalb, weil ich heute morgen mit ihrer telefonauskunft telefoniert habe, und da hat mir die dame gesagt, das handy koste um die vierzig euro. (pause.) genauer wusste sie es auch nicht.

verkäufer: tja, das ist aber falsch. das mobiltelefon kostet hundertneunundzwanzigfünfundneunzig.

pause.

kundin: wie kann das denn sein, dass ihre telefonauskunft und ihre kollegin beide was anderes sagen?

verkäufer: das weiß ich auch nicht. das mobiltelefon kostet hundertneunundzwanzigfünfundneunzig.

pause.

kundin: warum kostet es denn hundertneunundzwanzigfünfundneunzig?

verkäufer: also. das ist noch ein schutzbrief dabei.

kundin: wie bitte?

verkäufer: ein schutzbrief.

kundin: was für ein schutzbrief?

verkäufer: ist ein spezielles angebot.

kundin: und was ist das für ein schutzbrief?

verkäufer: ist ein sehr gutes spezialangebot. wenn sie ihr mobiltelefon in die toilette fallen lassen, zum beispiel…

kundin (entsetzt): in die toilette?

verkäufer: ja, oder es wird ihnen gestohlen.

pause.

verkäufer: oder bei, wie heißt das…?

kundin: erdbeben?

verkäufer: nein, nein… bei, wie heißt das…? bei raub! genau. bei raub! wenn es ihnen geraubt wird! dann kriegen sie ein neues.

kundin: aha.

verkäufer: vierundzwanzig monate laufzeit.

kundin: und was kostet dieser schutzbrief?

verkäufer: hundert euro.

pause.

kundin: ja. das klingt sehr verlockend. aber ich glaube, ich brauche den schutzbrief nicht.

verkäufer: gilt auch, wenn ihnen das mobiltelefon runterfällt und kaputt geht.

kundin: ja, aber ich hätte das mobiltelefon lieber ohne schutzbrief.

verkäufer: tut mir leid, ohne schutzbrief darf ich ihnen das mobiltelefon nicht verkaufen.

kundin: wie bitte?

verkäufer: ohne schutzbrief darf ich ihnen das mobiltelefon nicht verkaufen.

kundin: ach. wirklich? sie dürfen mir nicht das mobiltelefon einfach so geben?

verkäufer: nein, tut mir leid. nur mit schutzbrief. für hundertneunundzwanzigfünfundneunzig.

pause.

kundin: aber was passiert denn, wenn sie mir das mobiltelefon einfach so verkaufen, ohne schutzbrief?

verkäufer: das darf ich nicht.

kundin: aha.

pause.

kundin: na gut. dann nehme ich es eben mit schutzbrief. ist ja auch wirklich ein schönes mobiltelefon.

verkäufer: ja. ich hab dasselbe.

er holt einen karton und scannt den barcode auf dem karton ein.

verkäufer: so. das wäre das mobiltelefon. den schutzbrief muss ich gesondert kassieren.

kundin: aber ich will den schutzbrief ja eigentlich gar nicht. können sie mir nicht einfach jetzt das mobiltelefon geben und ich bezahle, was sie schon eingebont haben?

verkäufer: nein, das darf ich nicht.

pause.

verkäufer: passen sie auf. weil mein chef nicht da ist. sie müssen den schutzbrief nicht nehmen.

kundin: wirklich? das ist ja großartig!

verkäufer: sie können sich einfach eine handytasche aussuchen.

kundin: ich soll mir eine handytasche aussuchen?

verkäufer: ja. statt schutzbrief.

kundin: wie bitte?

verkäufer: suchen sie sich einfach etwas nützliches im wert von hundert euro aus. (er deutet auf die an der wand aufgehängten zubehörtteile.)

kundin: eine handytasche im wert von hundert euro? (sie betrachtet die waren.) aber die teuerste handytasche, die sie haben, kostet sechsundfünfzigneunzig.

verkäufer: hm. ja. aber die ist von hugo boss.

kundin: ja. das sehe ich. aber zwei handytaschen brauche ich nicht. und auch eigentlich keine für sechsundfünfzigneunzig.

verkäufer: hm. dann nehmen sie doch noch eine freisprechanlage für ihr auto dazu.

kundin: ich habe kein auto.

verkäufer: hm. dann gibt es hier noch so kabel.

kundin: wissen sie was? ich nehme doch lieber den schutzbrief.

verkäufer: in ordnung.

er hantiert mit der kasse.

kundin: aber wissen sie, ich verstehe immer noch nicht, warum sie mir das mobiltelefon nicht einfach so ohne schutzbrief verkaufen können.

verkäufer: wegen meinem chef.

kundin: wegen ihres chefs?

verkäufer: ja.

kundin: aaah.

pause.

kundin: hören sie. ich möchte das mobiltelefon ohne schutzbrief kaufen. geht das oder geht das nicht?

verkäufer: na schön. na gut. wenn sie unbedingt wollen. ich verkaufe ihnen das mobiltelefon ohne schutzbrief!

kundin: echt?

verkäufer: ja.

kundin: super! was kostet es denn nun?

verkäufer: neunundzwanzigfünfundneunzig.

kundin: wahnsinn.

sie zahlt.

kundin: danke.

verkäufer: ja. bitte.

pause.

verkäufer: nehmen sie es mir nicht übel.

kundin: aber bitte. wir sind doch alle kapitalisten!

ENDE

was bisher geschah:

wordpress schrieb mir folgende schmeichelhafte, wenn auch vermutlich vollkommen schwachsinnige worte:

Eine Cable Car in San Francisco faßt 60 Personen. Dieses Blog wurde in 2011 etwa 2.500 mal besucht. Eine Cable Car würde etwa 42 Fahrten benötigen um alle Besucher dieses Blogs zu transportieren.

Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.

scheibchenweise.

als ich noch klein war, rügte man mich oft dafür, mehr brotbelag als brot zu mir zu nehmen.

entweder durch einen beherzten griff auf den wurst-käse-teller, wenn vermeintlich keiner hinsah. oder durch eine sorgfältig konstruierte käse- bzw. wurstpyramide auf dem kleinsten scheibchen graubrot, das sich im brotkorb finden ließ. später, als ich älter (und dreister) war, steckte ich gern meine finger unter die frischhaltefolie, die den aufschnittteller (dieses wort ist orthographisch korrekt und sinnvoll!)  im kühlschrank bedeckte, und fischte heraus, was sich herausfischen ließ, um es schnell zu vertilgen. immer dann, wenn keiner da war. wie man aus dieser geschichte schließen kann, war mir bis etwa zu meinem zwölften lebensjahr aufschnitt nur in bereits geschnittener form bekannt.  so wie manche kinder heute keine ahnung haben, dass milch nicht im tetrapack, sondern im euter einer kuh geboren wird, hatte ich keine ahnung, dass salamischeiben irgendwann mal eine komplette salami geformt hatten, bevor sie auf dem aufschnittteller beziehungsweise in meinem mund endeten.

das mag auch der grund dafür sein, dass ich erst vor etwa einem jahr – im reifen alter von 24 jahren – bekanntschaft mit dem von der journaille so geschätzen begriff “salamitaktik” schloß.

ein abscheulicher ausdruck, wenn ich das an dieser stelle – und angesichts seiner aktuell wieder gehäuft auftretenden verwendung im zusammenhang mit christian “der böse” wulff (dieser spitzname stammt aus der financial times deutschland) – mal sagen darf! er gefällt mir ganz und gar nicht. das hat mehrere gründe. erstens rede ich nicht gern über aufschnitt. man merkt es schon daran, dass ich das gespreizte wort “aufschnitt” verwende, und nicht das viel konkretere wort “wurst”. da! es schaudert mich, es nur hinzuschreiben! es gibt worte, die mag ich nicht in den mund nehmen und auch nicht schreiben. ich finde sie ekelhaft. ich mag nicht über “wurst” reden, ich möchte so ein mensch nicht sein. ich sage höchstens mal “würstchen”. alles andere kostet mich höchste überwindung. “salami” ist übrigens ok. das wort an sich, meine ich. aber da es zur gesamten thematik “wurst” gehört, möchte ich auch darüber möglichst wenig reden. ganz schlimm wird es mit… da, ich zögere. merkst du es, oh user? natürlich merkst du es, ich habe es durch drei punkte gekennzeichnet. also, schluck, tief luft holen: leberwurst. pfui. blutwurst. igitt. möge es das letzte mal sein, dass ich diese wörter öffentlich benutzen muss. fettig. matschig. widerlich. ich gebe übrigens auch nicht öffentlich zu, dass ich sowas esse. und ich möchte auch nicht, dass mir jemand dabei zuguckt. so. schüttel.

grund nummer zwo: ich finde das bild irgendwie schief.

seit ich weiß, dass salami normalerweise vor dem verzehr in scheibchen geschnitten werden muss, bin ich ein großer fan dieses prozesses, weil er damit endet, dass ich – na, ihr wisst schon. siehe oben. “salamitaktik” hat für mich eine totale positive konnotation! da gibt jemand stück für stück was leckeres raus! yeah! scheibchenweise! dass das was schlechtes sein soll, weil er nicht gleich die ganze salami unter die hungrige meute der hunde schmeißt, die sie dann mit ihren gierigen reißern in stücke fetzen kann, kann ich – auf einer rein bildhaften ebene – nicht nachvollziehen. zumal – wie bei den meisten lebensmitteln – der geschmack von salami vermutlich ganz erheblich davon abhängt, in welcher größe die stücke den mund erreichen. und ich habe das nicht empirisch getestet, würde aber meine limited-edition-box der nummer-eins-hits aus der gesamten motown-geschichte inklusive fotobooklet darauf verwetten, dass salami dünn geschnitten besser schmeckt als im ganzen.

was mich zu grund nummer drei führt: meiner überaus unangenehmen erfahrung, als ich das erste mal auf das wort “salamitaktik” stieß.

This image shows a salame. image via wikipedia

es ist jetzt, wie gesagt, etwa ein jahr her, es ging auch um irgendeinen blöden politiker, der irgendwas blödes gemacht hat und so blöd war, nicht alles gleich zu gestehen, sondern erst mal gucken wollte, was sich von seiner karriere noch würde retten lassen (kann übrigens gut karl-theo gewesen sein oder “der dingsda”, wie ihn der unvergleichlich stonecoole wolfram siebeck nennt). irgendein opponierender politiker forderte “ein ende der salamitaktik”. und zwar flächendeckend auf allen kanälen. sämtliche medien wiederholten die forderung nach dem “ende der salamitaktik”. radio, fernsehen, print, online, the lot! und wer saß verwirrt vor bildschirm und volksempfänger und hatte keine ahnung, was “salamitaktik” ist? genau. die autorin dieses überaus geschwätzigen blogs.

so what!?, fragt der user.

aber bitte – man halte sich folgendes vor augen: wenn einer nicht weiß, was “salamitaktik” bedeutet, hat er ad hoc keine chance, das rauszufinden! ich muss es wissen, denn ich habe es probiert. ich suchte zunächst vergebens in den artikeln nach einer erklärung dieses abscheulichen bildes, aber vergeblich. sowas wird nicht erklärt, sowas wird vorausgesetzt. liebe kollegen, dass das gegen die wichtige handwerksregel “noch der letzte depp wird mitgenommen!” verstößt, darüber müssen wir ja wohl nicht reden, ne!? man hört noch heute, wie empört ich war, man sieht es an der interpunktion, übrigens. um’s kurz zu machen: man kann sowas nicht ergooglen (jedenfalls ging das damals nicht, heute gibt’s wahrscheinlich schon sechs seiten, die das erklären) und wikipedia wusste es auch nicht. kevin war allein zu haus, konnte daher auch keinen fragen. meinen telefonjoker wollte ich für sowas nicht vergeuden. so saß ich da und verstand nicht, was salamis mit der unwilligkeit von politiker xy zu tun haben, der welt mitzuteilen, was er lieber für sich behalten wollte. wie bereits beschrieben, war der schritt vom positiven salami-absäbeln zum negativen korruption-vertuschen-wollen für mich kognitiv nicht nachvollziehbar.

ein abscheuliches gefühl: ausgeschlossen vom rest der medienwelt. bis heute denke ich daran, wenn ich das wort “salamitaktik” höre.

ich habe damals sogar einen empörten leserkommentar auf spiegel online geschrieben. ein großer tag für die radioschlampe. meines wissens ist er nie veröffentlicht worden. das schreiben über diese angelegenheit macht mich schon wieder ganz zittrig. zum einen die mehrmalige verwendung des wortes “salami”, zum anderen die erinnerung an diesen tag der schande und ausgrenzung! kann aber auch daran liegen, dass ich noch nicht gefrühstückt habe. vielleicht sollte ich mal in die küche gehen.

auf etwa käse, vielleicht auch mit brot.

schmatz.

soooo… jetzt ist weihnachten ja auch schon wieder vorbei. 

schön war’s. und so besinnlich. ich habe eine wunderschöne armbanduhr geschenkt bekommen, aus stahl, wie meine nerven es sind, jawohl. großartig. das geschenkemachen hat auch spaß gemacht, und der kerzenschein hat mein herz gewärmt.

what!?, denkt der juhser, und klickt hektisch auf seiner computeruhr herum, um das datum rauszufinden. ja, is’ denn heut’ scho…?

naja. als scheidungskind verbringe ich weihnachten regelmäßig halbgeteilt an zwei verschiedenen orten deutschlands gleichzeitig. um mich nicht auch noch dritteln zu müssen, verlegen der herr des hauses und ich weihnachten immer eine woche vor, kochen uns ein schickes menü, tauschen wundervolle, mit liebe ausgesuchte und den anderen stets hocherfreuende gaben aus und hören schallplatten, während der adventskranz in vollem vierfachen fackelschein vor sich hin lodert. der vorteil dieser methode ist, dass man zweimal weihnachten feiern kann. und mit zwei leuten ist es auch wesentlich einfacher, weihnachten stressfrei und angenehm zu gestalten, als wenn die besinnlichkeitswünsche einer kompletten großfamilie befriedigt werden müssen.

außerdem ist heute ja schon der vierte advent und dass muss ja auch irgendwie gefeiert werden.

wobei “irgendwie” in diesem fall heißt: mit der herstellung und dem anschließenden verzehr von großartigen speisen. ich schwanke ja jedes jahr wieder, hadere mit mir selbst, neige mich zu der einen und zu der anderen seite: wie dekadent darf’s weihnachten werden, kulinarisch betrachtet? ich meine: man stopft sich voll, man kauft viel zu viel ein, man schmeißt die hälfte weg. früher hieß es noch: in afrika hungern die kinder. heute muss es heißen: bald gehen die malediven unter, weil man jedes jahr unmenschliche mengen methangasproduzierender und energiefressender kühe isst. wie ich höre, leidet auch der regenwald drunter. (apropos regenwald, wie geht’s dem eigentlich? vor fünf jahren war das noch ein top-thema, inzwischen kräht da kein hahn mehr nach angesichts der möglichkeit, dass holland bald geflutet und die eisbären bald kein zuhause mehr haben. ich vermute mal, der regenwald ist inzwischen weit genug abgeholzt, dass seine rettung irgendwie auch keinen sinn mehr macht. ein beruhigender gedanke – ein problem weniger.)

mein gott, was düstere thematik, dabei wollte ich doch über weihnachtsmenüs schreiben.

nun, jedenfalls. um dem alljährlichen schlechten gewissen angesichts der völlerei ein ende zu bereiten, habe ich mich dieses jahr dem vorweihnachtlichen fasten anheimgegeben. gewissermaßen in transzendenz der hörfunktechnischen maxime: wenn du etwas nicht mehr lauter machen kannst, mach einfach alles andere leiser. seit dem 5. januar esse ich keinen junkfood mehr (außer an meinem geburtstag, und da hatte ich merkwürdigerweise auch gar nicht so viel appetit). am heiligen abend darf ich dieses fasten brechen. der plan: je weniger ich vorher völle, desto mehr spaß macht die völlerei, wenn sie wieder erlaubt ist. das feiertagsmenü erhält seine ursprüngliche bedeutung als einen der höhepunkte des kulinarischen jahres angesichts der freude über die geburt jesu christi (what!?, denkt der juhser, whothehell…? wovon spricht sie?) wieder. und ist nicht einfach nur vollgestopfe, bis es einem zu den ohren wieder rauskommt.

hat das funktioniert?

bedingt. bisher jedenfalls. immerhin bin ich zu der erkenntnis gekommen, dass das meiste, was ich normalerweise so in mich hineinstopfe, wirklich unnütz ist. ich brauche keinen schokoriegel nach dem mittagessen, nur weil ich darauf appetit habe. ich brauche keine chips, wenn der tag lang, nass, dunkel und deprimierend war. ich brauche keine zimtsterne, um mich weihnachtlich zu fühlen. und ich brauche auch keine gummibärchen, um meinen blutzucker zu heben, wenn das nachmittagstief kommt. man kommt super ohne aus, und wenn man sich was anders erzählt, lügt man, weil man junk essen will.

problematisch ist mein genereller hang zur kocherei in diesem zusammenhang.

mir macht kochen spaß. ich denke gern über essen nach, ich stelle es gern her, ich verzehre es gern. ich empfinde es nicht als übertrieben, an einem ganz normalen wochentag zweimal eine komplette mahlzeit herzustellen, einmal zu mittag für mich alleine und einmal zum abendbrot für zwei, mit fleisch, zwei sorten gemüse, einem sattmacher und salat. zudem habe ich dieses jahr etwa fünfzig gläser mit selbstgemachten nahrungsmitteln (nussmischungen, eingemachte pfirsiche, pilze, eingelegter knoblauch, salzzitronen, marmelade, lebkuchen…) gefüllt, um sie zu verschenken. kulinarisch, so muss ich feststellen, war der gesamte dezember eine einzige feierei. insofern ist weihachten leider nur der krachige abschluss eines sehr lauten rockkonzerts.

nichtsdestoweniger betrachte ich mein diesjähriges weihnachtsmenü als einigermaßen gelungen und möchte es mit der welt teilen.

ich befinde mich damit ja in guter gesellschaft, denn das weihnachtsmenü ist eine disziplin, die von vielen hervorragenden medien seit vielen jahren gepflegt wird. donnerstag zum beispiel habe ich helmut gote bei wdr 5 neugier genügt gehört, wo er sein weihnachtsmenü vorstellte. ich weiß ja nicht, wie der mann so kocht, hatte noch nie persönlich das vergnügen, aber er redet wirklich sehr hübsch darüber. wenn ich auch finde, dass er jetzt nicht gerade ein feuerwerk an kulinarischer originalität abbrennt, aber das mag auch der wdr 5-klientel geschuldet sein, die es garantiert superklassisch mag. (und gegen klassisch ist ja nun wirklich nix einzuwenden – muss man auch erst mal können.) das erschreckende war, dass es eine reihe von erstaunlichen parallelen zwischen unseren beiden weihnachtsmenüs gab. wenn ich meins nicht schon im kopf gehabt hätte, ich hätte mich selbst des plagiats bezichtigt. gote präsentiert dieses jahr einen salat mit kaninchen, feldsalat und der absoluten trendzutat des jahres 2011. trommelwirbel bitte: es handelt sich um den granatapfel.  ich habe auch einen eingebaut, auf speziellen wunsch eines einzelnen herrn. ich fühle mich auch ein kleines bisschen so, als würde ich ein foo fighters-album empfehlen.

gote mag’s wild.

nach dem karnickel gibt’s pilze (kommt ja auch ausm wald, woll?) als brühe, dann wildschwein. mit blumenkohlbuletten. womit so’ne art bratlinge gemeint sind. aber dieses wort verwendet man lieber nicht, das kommt im radio nicht so gut. blumenkohl hatten wird auch. und zum nachtisch gibt’s bei gote spekulationseis ohne spekulatius, sondern nur mit spekulatiusähnlichen gewürzen. naja. das mit dem eis scheint ja auch schwer im trend zu liegen. *räusper* ich will’s mal so sagen: meine kulinarischen inspirationen kommen meist von einem flüchtigen blick auf die cover von zeitschriften wie “essen&trinken” oder “meine besten rezepte” oder “schnelles für die ganze familie”. ich kann nur hoffen, dass helmut gote besser recherchiert, bevor er sein menü entwirft.

was dann aber nicht die ähnlichkeit unserer kreationen erklären würde.

wenn man ein menü kochen will wie wolfram siebeck, braucht man: die zeit eines rentners, pardon, pensionärs beziehungsweise eines in ehren ergrauten food-journalisten (sorry, wolfi, aber so heißt das halt), der seit jahrzehnten für nix anderes bezahlt wird als dafür, sich mit essen zu befassen; die fähigkeiten, die man erwirbt, wenn man jahrzehntelang leuten beim kochen zuguckt, das ergebnis probiert und dann selber nachbaut; und die knete eines in ehren ergrauten… naja, ihr wisst schon. dann kommt etwas dabei raus, das mit konfierten (what!?, denkt der juhser und schmeißt wikipedia an) saiblingsfilets mit olivenfleurons anfängt und mit einem kuchen aufhört, den siebeck als “beliebt” bezeichnet und damit vermutlich meint, dass man den als kulinarisch interessierter mensch kennen sollte, von dem ich aber noch nie gehört habe. zwischen durch gibt’s eine suppe, in der karotten mit ingwer, kokos und zitronengras einträchtig um die wette schwimmen. ich will ja nix sagen, aber das mit karotte und ingwer hab ich auch schon mal irgendwo gehört. das piece de resistance bildet eine gefüllte kalbsbrust, die ich mir als riesige fleischtasche voller brioche und ei vorstelle, so wie er sie beschreibt. nicht, dass ich ablehnen würde, wenn mich jemand zum großen kalbsbrustessen einlädt. hallo? irgendwer?

konfiert heißt übrigens: in warmem öl gegart. danke, wolfram!

Nach langer Vorrede: Das radioschlampe-Weihnachtsmenü für alle, die auch Inspiration brauchen

kurz gesagt: in die siebeck’schen höhen der kreativität kann ich nicht vorstoßen, eher in die gote’schen, aber lecker war es trotzdem. es gab als kleine vorspeise crostini del funghi, als hauptgang schweinefilet mit nusskruste, dazu maronen, blumenkohl (jawoll, aber nicht als bratling, sondern fast so, wie gott ihn schuf, nur garer) und rosmarinkroketten. als nachtisch ein orangen-limetten-eis, hinterher käse mit der trendzutat des jahres 2011. als aperitiv und stimmungmacher während des kochvorgangs eignet sich hervorragend ein aperol sour: 1 cl zuckersirup mit 2 cl zitronensaft und 4 cl aperol über eis shaken, in einen tumbler mit drei eiswürfeln geben und mit einem guten mineralwasser auffüllen. den zuckersirup mache ich übrigens selber, indem ich ein teil wasser mit zwei teilen zucker mit dem schneebesen mixe und dann aufkoche, ohne zu rühren (sonst gibt es kristalle). man kann aber auch einfach etwas feinen zucker im zitronensaft auflösen.

Crostini del Funghi

Steinpilze, Pfifferlinge und Champignons fein hacken, mit Zwiebelwürfeln in etwas Knoblauchöl dünsten und mit Thymian, Petersilie, Salz und Pfeffer würzen. Ein dünnes Baguette in 1 cm dicke Scheiben schneiden und in Knoblauchöl in der Pfanne von beiden Seiten anrösten. Pilzmischung auf die Scheiben geben, im Ofen überbacken.

Schweinefilet mit Nusskruste

Gemischte Nüsse (z.B. Haselnuss, Walnuss, Mandeln, Cashew, Pekannuss) mittelfein hacken. Etwas Toastbrot reiben und mit den Nüssen und etwas Butter, Zwiebelwürfeln und feingehacktem Knoblauch vermischen. Mit Salz, Pfeffer, Oregano und Petersilie würzen. Schweinefilet scharf anbraten, in einer Auflaufform mit Nusskruse bedecken, bei niedriger Temperatur im Ofen backen. Dazu fertig gegarte Maronen erhitzen. Blumenkohl putzen, schneiden, in Salzwasser garen und mit Butter servieren.

Rosmarinkroketten

Mehligkochende Kartoffeln kochen, pellen, zerstampfen. Mit Butter und einem Ei pro 500 g Kartoffeln mischen. Mit Muskat, Salz und Pfeffer würzen. Pro 500 g Kartoffel einen guten Esslöffel feingehacktes Rosmarin untermischen. Kroketten formen (mit der Hand oder einer Spritztülle). Kaltstellen. In Paniermehl wenden, in heißem Öl frittieren.

Orangen-Limetten-Eis

Schale von einer Orange und einer Limette (beide unbehandelt) abreiben. Mit dem Saft der Orange und von zwei Limetten, 175 g Puderzucker und 500 ml Sahne vermischen. Sahne steif schlagen. In einem Plastikcontainer mit Deckel 3 bis 5 Stunden gefrieren lassen. Vor dem Servieren 15 bis 30 Minuten bei Zimmertemperatur stehen lassen.

Für den Käsegang

einen Granatapfel halbieren, mit den Kernen nach unten über eine Schüssel halten und geduldig mit einem Hammer auf die Rückseite schlagen, bis die Kerne in den Topf purzeln. Mit Limettensaft und eventuell etwas Puderzucker dressen. Dazu Käse und Rotwein reichen.

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